In steuergünstigen Gemeinden der Kantone Zürich, Schwyz, Zug und Genf besuchen immer mehr Schüler Privatschulen. Zürich hat reagiert, in Schwyz werden die Sorgenfalten tiefer.
Seit Jahren schiessen rund um den Zürichsee Privatschulen wie Pilze aus dem Boden. Die Gemeinden haben dank ihrer Nähe zum Wirtschaftszentrum Zürich und teilweise wegen der rekordtiefen Steuersätze überdurchschnittlich viele Gutverdiener aus dem In- und Ausland angezogen. Und diese schicken ihre Kinder bevorzugt an Privatschulen. Dies zeigt eine Auswertung der Zürcher Bildungsdirektion für das Schuljahr 2012/2013: Spitzenreiter bei den Zürcher Gemeinden ist Zumikon mit einer Privatschülerquote von 26 Prozent auf Stufe Primarschule. Dann folgen Rüschlikon (22,3 Prozent) und Kilchberg (22,1 Prozent). Zum Vergleich: Kantonsweit beträgt die Quote 4 Prozent, auf Sekundarstufe sind es 7 Prozent.

Im Kanton Zürich dürfte sich die Privatschülerquote in den kommenden Jahren stabilisieren, wenn sie nicht sogar zurückgeht. Denn im Herbst 2013 hat die Zürcher Bildungsdirektion entschieden, dass internationale Schulen ab dem Schuljahr 2014/2015 Kinder, die einen Schweizer Pass besitzen oder seit mehr als fünf Jahren in der Schweiz leben, nicht mehr aufnehmen dürfen – aufgrund des speziellen Lehrplans.

Anders ist die Situation im Kanton Schwyz. Dort besuchen 2 Prozent aller Primarschüler eine Privatschule, bei der obligatorischen Sekundarschule beträgt der Anteil 9 Prozent. Prozentual über den höchsten Anteil an privat geschulten Kindern verfügt die Ausserschwyzer Steueroase Wollerau mit 31 Prozent*. In den ebenfalls steuergünstigen Nachbargemeinden Feusisberg und Freienbach sind es 19,5 respektive 16 Prozent.

Letztes Jahr wurde bekannt, dass die Swiss International School (SIS) im Sommer 2015 im schwyzerischen Pfäffikon eine zweisprachige Ganztagesschule eröffnen wird. Sie ist als private zweisprachige Volksschule positioniert und soll im Vollausbau über 300 Plätze bieten. Bereits dort angesiedelt ist die Obersee Bilingual School mit ihren über 400 Schülerinnen und Schülern. Sie plant einen Umzug nach Wollerau.

Problem für Schwyzer KMU

Mit dem Zuzug der SIS wird die Privatschülerquote im Bezirk Höfe weiter steigen – eine Tatsache, die nun auch bürgerlichen Politikern Sorgen bereitet. Ende Januar reichte der Kantonsrat und Präsident der kantonalen CVP, Andreas Meyerhans aus Wollerau, eine Motion für eine «konkurrenzfähige Volksschule» ein. Unterschrieben haben auch je zwei CVP-, FDP- und SVP-Kantonsräte.

Ihr Befund: «Die öffentliche Volksschule kämpft gerade im Bezirk Höfe gegenüber den privaten Schulen schon lange nicht mehr mit gleich langen Spiessen. Seit 2008 ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler an der Oberstufe trotz Bevölkerungswachstum eingebrochen. Hauptgrund sind die für viele offenbar sehr attraktiven Angebote der privaten Schulen.» Da die meisten Privatschüler sich später auf den gymnasialen Weg begeben würden, seien sie «für den Weg über eine Berufslehre – und damit für unsere KMU – vielfach verloren». Als Gegenmassnahmen fordern die Motionäre beispielsweise die Einführung von besonderen, sprich zweisprachigen Klassen für leistungsstarke Schüler auf ­Sekundarstufe.

Was meint Gerhard Pfister, Zuger CVP-Nationalrat und Vorstandsmitglied des Verbands schweizerischer Privatschulen, zu dieser Entwicklung? Er war selbst bis 2012 Geschäftsleiter und Mitinhaber der Privatschule Institut Dr. Pfister in Oberägeri ZG. «Schwyz muss etwas an seiner Haltung ändern. Der Kanton kann nicht mit seiner Steuerpolitik übermässig finanzstarke und bildungsaffine Bevölkerungsgruppen anziehen, ohne seine öffentlichen Schulen entsprechend auszustatten – dies im Unterschied zum Kanton Zug.» In dieses Bild passt, dass Schwyz bei den Pro-Kopf-Bildungsausgaben das Schlusslicht bildet, während Zug zu den Spitzenreitern zählt – und dabei noch mehr ausgibt als der Universitätskanton Zürich.

In Zug gibt es schätzungsweise 20 Privatschulen. Die Privatschülerquoten betragen 3 Prozent bei den Primarschülern und 5 Prozent auf Sekundarstufe. Den höchsten Anteil weist Walchwil mit fast 23 Prozent auf. Die Zuger Seegemeinde wird wegen ihrer milden Temperaturen oft als «Zuger Riviera» oder das «zugerische Nizza» bezeichnet. Ausserdem gehört Walchwil dank seiner tiefen Steuern neben Wollerau, Feusisberg und Freienbach zu den zehn einkommensstärksten Gemeinden der Schweiz. Vor drei Jahren thematisierte die NZZ die Schulsituation in Walchwil: «Manche Familien, die zuziehen, sieht man nur am von der Gemeinde offerierten Neuzuzüger-Apéro, danach kaum mehr.» Diese Eltern würden auf der Verwaltung eine Bescheinigung darüber deponieren, «dass die Kinder auswärts geschult werden, und erklären den Kontakt zur Schulbehörde damit als beendet».

Obwohl der Anteil an privat geschulten Kindern mit 20 Prozent damals tiefer lag, ist Jürg Portmann, Rektor der öffentlichen Schule Walchwil, auch heute zuversichtlich. «Die Schülerinnen und Schüler, welche beispielsweise die International School besuchen, sind dort bewusst platziert, weil die Familien nur zwei oder drei Jahre in der Schweiz leben.» So würden sie nicht den Anschluss an das internationale Schulsystem verlieren.

«Die Situation in Walchwil ist mit der Situation in Ausserschwyz kaum vergleichbar», sagt Portmann. Die öffentliche Schule würde ihre Qualität bewusst hochhalten, sich an neue Schulentwicklungen heranwagen und fortschrittlich denken und handeln. «Es ist wichtig, auf die Nachfrage flexibel zu reagieren, wie durch familienergänzende Betreuung, ein Mittagstischangebot, eine Hausaufgabenhilfe oder eine modulare Tagesschule mit entsprechender Tagesstruktur.» Denn Portmann glaubt nach wie vor, dass die Walchwiler Schule eine Schule für alle sein soll – unabhängig davon, ob jemand aus einer Bauern- oder einer Direktorenfamilie stammt.

SP fürchtet weitere Segregation

Motionär Andreas Meyerhans betont, dass die Volksschulen keinesfalls als zweitklassig bezeichnet würden: «Die Qualität der öffentlichen Schulen ist hoch, die Gemeinden und der Bezirk sind sich der Bedeutung der Bildung als wichtiges staatliches Angebot und Standortfaktor vollauf bewusst.» So habe man bereits in Tagesstrukturen und familienergänzende Kinderbetreuung investiert. Für Schweizer Familien, die ihre Kinder an Privatschulen schicken, ist aber zweisprachiger Unterricht neben Tagesstrukturen oft entscheidend. Deshalb wollte man schon früher im Bezirk Höfe das Modell «Sekpro» mit zweisprachigem Unterricht lancieren, was aber das Bildungsdepartement ablehnt.

Wenig glücklich über den Vorstoss der Höfner Kantonsräte ist Otto Kümin. Er ist Präsident der SP Freienbach und Lehrer an der Wollerauer Sekundarschule. Für ihn zeigt die Motion, in welchem Ausmass die Schwyzer Steuerparadies-Politik eine bestimmte Schicht von staatsfernen Eltern angezogen habe. Diese wählten nicht mehr den chancengerechten Weg zur Maturität: «Sie kaufen mit viel Geld an einer Privatschule den Zugang zur höheren Bildung.» Separate Leistungsklassen würden zudem die steuerlich bedingte verheerende gesellschaftliche Segregation in die Volksschule übernehmen. «Deren Aufgabe ist es aber vielmehr, ein kooperatives und im weitesten Sinn integratives Gesellschaftsmodell zu vertreten.»

*Falsche Angaben der Gemeinde Wollerau
Im Artikel heisst es, dass die Privatschülerquote in der Wollerauer Primarschule 31 Prozent betragen würde. Laut Auskunft des Schwyzer CVP-Kantonsrats Andreas Meyerhans wurde diese Zahl den Motionären von der Bezirksschule Höfe zugestellt. Wie sich mittlerweile herausstellte, hat die Primarschule Wollerau falsch gerechnet und sich dafür entschuldigt. Mitte März teilte der Wollerauer Gemeinderat Marco Casanova mit, dass die richtige Privatschülerquote 21 Prozent betragen würde.

(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 01.03.2015, 23:43 Uhr)