Der Lehrplan21 und unsere jüdisch-christliche Kultur

Ich habe den LP21 unter dem Aspekt angeschaut, inwiefern er ermöglicht, dass Kinder unsere, vom
christlichen Glauben geprägte Kultur verstehen und sich darin bewegen lernen. Ich tue dies aus der
Perspektive eines Menschen, der der christlichen Kultur eine zentrale Bedeutung für unser Land und
unsere Bildung einräumt.

1. Welche Begriffe kommen vor?

Das Wort ´christlich´ kommt genau zweimal vor. Das erste Mal mit Bezug auf die Bundesverfassung
und die kantonalen Volksschulgesetze. Die Schule soll sich an folgenden Werten orientieren: „Sie
geht von christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen aus. Sie ist politisch
und konfessionell neutral.“ (Einleitung Bildungsziele)
Das zweite Mal wird im Fach NMG gefordert, dass Schüler befähigt werden, „Gemeinsamkeiten und
Bezüge zwischen Judentum, Christentum und Islam an Beispielen zu erläutern.“ (NMG. 12.5.g) Ansonsten
gibt es keinen weiteren Bezug zu den unter Bildungszielen erwähnten Werten. Wie soll das
gehen, wenn die Schule von christlichen Werten ausgehen soll?
Personen der Bibel, die in vielen Lehrplänen bisher vorkamen, ‚Mose‘, ‚Abraham‘, ‚David‘, sowie der
Begriff ´Schöpfung´ kommen im gesamten Lehrplan nirgends vor. ´Jesus´ wird im Fachbereich NMG
nur insofern erwähnt, dass die Schüler zum Leben bedeutender Gestalten aus verschiedenen
Religionen (insbesondere Jesus, Mohammed, Buddha) Geschichten erzählen können. (NMG.12.2.b)
Auf der Oberstufe sollen die Schüler die Bedeutung zentraler Gestalten aus den Religionen kennen,
insbesondere „Jesus, Mohammed und Buddha anhand von Überlieferung, Darstellung und Verehrung
erläutern sowie aus weiteren Perspektiven betrachten (historisch, ästhetisch, kulturell).“ (ERG 5.1)
Das sind die beiden einzigen Bezüge zu Personen unserer jüdisch-christlichen Vergangenheit.
Die ´Bibel´ kommt ein einziges Mal vor: „Die Sch. können (auf der Oberstufe) erläutern, wie heilige
Schriften (insbesondere Tora, Bibel, Koran) überliefert wurden (z.B. mündliche, schriftliche Überlieferung,
Handschriften, Buchdruck, Übersetzung) und wie sie verwendet werden (Rezitation, Meditation,
Lesung, Auslegung).“ ERG. 5.1.b
‚Kirche‘ kommt nur in Zusammenhang mit Musikerleben und Kunstbetrachtung (je 2x), sowie bei den
didaktischen Bemerkungen vor.
Die für unsere Kultur prägenden Feste des Kirchenjahres kommen wie folgt vor: ‚Palmsonntag‘, ‚Karfreitag‘,
‚Ostern‘, ‚Auffahrt‘, ‚Pfingsten‘, ‚1. August‘, ‚Bettag‘, ‚Weihnachten‘ werden im gesamten Lehrplan
nicht erwähnt.
Nun könnte man vermuten, dass die Kompetenzen ja inhaltsunabhängig formuliert werden und es lediglich
Verweise auf ‚Feste‘ gibt. Je nach Einschätzung der Lehrperson können dann passende Feste
ausgewählt werden: „können kulturelle Unterschiede (Herkunftsländer der Mitschülerinnen und Mitschüler)
und Ähnlichkeiten beobachten und beschreiben (z.B. Alltagsrituale, Feste, Traditionen).“
FS1F.6.C.1.a Ist damit ausreichend auf unsere Kultur verwiesen?
„können von Festanlässen in der Familie oder in der Umgebung erzählen und Anteil daran nehmen,
wie andere Feste feiern.“ NMG.12.4.a
Damit wird die Auswahl der Feste der schulischen Zufälligkeit Preis gegeben. Ein Lehrplan sollte
mehr bieten! Wenn wir unsere Kinder so bilden wollen, dass sie unsere Kultur verstehen, braucht es
den Bezug zur jüdisch-christlichen Überlieferung. Ein Kernpunkt jeder Bildung ist, dass man das, was
uns geprägt hat, kennt?

2. Fehlen zentrale Inhalte im religiösen Bereich, weil der LP21 kompetenzorientiert ist?

Ein Blick auf andere Fächer zeigt ganz deutlich, dass an vielen Orten einerseits konkrete Inhalte aufgeführt
werden und auch eine klare Ausrichtung auf verbindliche Werte eingefordert wird. Hierzu vier Beispiele:
„können darlegen, wieso die erste Hälfte des 20. Jahrhundert als Zeitalter der Katastrophen bezeichnet
wird (insbesondere Erster und Zweiter Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Holocaust unter Berücksichtigung
von Diskriminierungen und Rassismus sowie des Phänomens Gewalt).“ (RZG.6.3.b)
„können die Geschichte von ausgewählten Institutionen und Menschen erzählen, die sich im 20. Jahrhundert
für Freiheit, Frieden, Wohlstand, Gerechtigkeit oder nachhaltige Entwicklung einsetzten (z.B. UNO,
Rotes Kreuz, Bertha von Suttner, Martin Luther King, Mutter Theresa, Nelson Mandela, Mahathma
Ghandi).“ (RZG.6.3.c)
„kennen ausgewählte Schutz- und Verhaltensregeln zu Pflanzen und Tieren (z.B. Tierschutz, geschützte
Pflanzen, Naturschutz) können daraus das Verhalten in ausgewählten Lebensräumen in der Wohnregion
ableiten.“ (NMG.2.6.g)
kennen ihre Rechte im Umgang mit Sexualität (insbesondere Schutzalter, sexuelle Orientierung, Schutz
vor Abhängigkeit und Übergriffen) und können ihre Verantwortung im Umgang mit Sexualität einschätzen.“
(ERG.1.3.b)
So sieht Bildung normalerweise aus. An vielen Orten wollen die Lehrplanverfasser Einstellung und Verhalten
der Schüler prägen. Werte werden nicht zur Disposition gestellt, sondern es wird eine klare Richtung
der Bildung festgelegt. Diese Klarheit fehlt dort, wo an unsere jüdisch-christliche Kultur angeknüpft werden
soll! Weshalb?

3. Ist der LP21 doch auch ein Stoffplan?

Das Wort ‚insbesondere‘ bei verschiedenen Kompetenzbeschreibungen weist gemäss dem Kapitel ‚Überblick
und Anleitung‘ S. 7f darauf hin, dass die nachfolgenden Inhalte verpflichtend sind. Man hat also ein Instrument
eingeführt, mit dem man auch Inhalte verpflichtend machen kann. Ist es nicht erstaunlich, dass
man einerseits einen kompetenzorientierten Lehrplan verfasst, aber dann doch eine Fülle an verbindlichen
Inhalten einfügt und sich so wieder einem Stoffplan annähert? Vermutlich können gewisse Kompetenzen
nur an gewissen Inhalten gelehrt und gelernt werden. Paradox wirkt es, wenn in der Einführung steht:
„Beschrieben Lehrpläne bis anhin, welche Inhalte Lehrpersonen unterrichten sollen, beschreibt der
Lehrplan 21, was Schülerinnen und Schüler am Ende von Unterrichtszyklen können sollen. An die Stelle
von Lernzielen und stoffinhaltlichen Vorgaben treten fachliche, personale, soziale und methodische
Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schülern in den Fachbereichen erwerben.“ (Einleitung S. 7)
Wie kommt es dann, dass rund 650 konkrete Inhalte1 (plus verschiedene Inhalte in Klammern) im
Lehrplan als verbindlich festgelegt werden? Insofern macht es nicht Sinn, dass im religiösen Bereich
zentrale Themen unserer Kultur nicht einmal als Beispiele aufgeführt werden und so die inhaltliche
Auswahl ganz der Beliebigkeit anheim gestellt wird.

4. Wie viel Distanz braucht es zur Religion?

Schule will ja bilden, das bedeutet, dass sie in der Innenwelt der Kinder etwas bewirken will. Diese Absicht
drückt sich im Lehrplan unterschiedlich intensiv in den Kompetenzen aus. Aber im Religionsbereich wird
bereits auf der Unterstufe eine distanzierte und von zentralen Elementen des christlichen Glaubens gelöste
Perspektive sichtbar. Nicht mehr der christliche Glaube steht im Fokus als primäre Religion, sondern die
Religionen. Überall im Lehrplan wird nicht von Religion sondern von Religionen gesprochen: „können an
Beispielen beschreiben, wie Religionen menschliche Grunderfahrungen rituell gestalten.“ (NMG.11 2c)
Im ganzen Lehrplan fällt der Primat des Christentums von Anfang an weg! Dies war bisher in keinem
Kanton der Fall, falls Religion irgendwie thematisiert wurde. Auch im Kanton Zürich, der das Fach ‚Religion
und Kultur‘ eingeführt hat, wird der christlichen Religion eindeutige Priorität eingeräumt. In dem Sinn vollzieht
der LP21 eine klar Abkehr von bisherigen Konzepten! Wollen wir das?
Als zweites Merkmal fällt der distanziert-beschreibende Zugang zum Phänomen ‚Religion‘ auf. Dies mag
auf der Oberstufe angemessen sein, aber in der Primarstufe ist das sowohl entwicklungspsychologisch als
auch lernpsychologisch unpassend. Die Perspektive des sich entwickelnden und durchaus auch
glaubenden Kindes ist nirgends im Blick.
Es bleibt zu fragen, ob wir in der Schweiz einen solchen Umgang mit unserer christlich geprägten
Kultur wollen, oder ob das nicht an der kindlichen und gesellschaftlichen Realität vorbei geht und in
dem Sinne nicht konsensfähig sein wird. Wir brauchen doch eine Schule, die auf eine Gesellschaft
vorbereitet, in der Kinder auch religiöse Phänomene wertschätzen, verstehen und damit umgehen
lernen!

Daniel Kummer, 28.8.13
Kontaktadresse: dkummer@gmx.ch

1 Es gibt insgesamt 273 Nennungen, davon kommen ca. 40 im freien Text vor und beziehen sich deshalb nicht auf
Stoffangaben. Bei 37 Nennungen sind 2 Inhalte, bei 55 Nennungen 3 Inhalte, bei 17 Nennungen 4 Inhalte und bei 23
Nennungen 5 Inhalte genannt. Das bedeutet, dass total 655 Inhalte im Lehrplan verbindlich gemacht wurden! Hinzu
kommen noch Inhalte die durch die Aufzählung in Klammer, ohne z.B., verbindlich gemacht wurden!