Christliche Privatschulen: von der Randerscheinung zur ernstzunehmenden Alternative

Von Eric Flury-Dasen

Kürzlich habe ich mit meiner jüngsten Tochter das Pestalozzi-Denkmal in Yverdon besucht. Vor dem Schloss des Kurortes steht die Skulpturengruppe mit Johann Heinrich Pestalozzi und zwei Kindern. Den Kindern hat er sein Leben gewidmet. 1804 nach Yverdon-les-Bains eingeladen, eröffnete er dort sein Bildungsinstitut, das die Schweizer Schulen und Schulen
überall auf der Welt revolutionieren würde. Und heute ist wieder der Moment gekommen, da die schweizerische Bildungslandschaft reformiert werden wird.

Bekenntnisschulen machen den Anfang

Die christlichen Privatschulen haben sich in der französischen und der deutschen Schweiz weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. Vorbild und Anstoss zur Gründung von Schulen waren Schulbewegungen aus dem jeweiligen Kulturraum. Die ab 1987 gegründeten christlichen Bekenntnisschulen in der Schweiz entstanden im Windschatten der rasch vorwärts schreitenden Entwicklung in Deutschland. Vier evangelische deutsche Schulen haben 1981 ohne festen organisatorischen Rahmen und zentraler Geschäftsstelle die Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Bekenntnisschulen (AEBS, heute Verband evangelischer Bekenntnisschulen) in Deutschland gegründet. Heute gehören ihr über siebzig Schulen mit über 25’000 Schülern über ganz Deutschland verteilt an. Sie bieten Unterricht von der Grundschule bis zum Gymnasium an. In Anlehnung daran konstituierte sich in der Schweiz der Verein „Arbeitsgemeinschaft für Schulen auf biblischer Basis“ (ASBB). Zusammen brachten es die sieben Schulen (4 im Kanton Zürich, 2 Schulen in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land, 1 Schule im Kanton Bern) in Spitzenjahren auf rund 500 Schüler.

Familiäre Beziehungen in der Westschweiz

Die Schulen in der Romandie wurden massgeblich durch den französischen Schulpionier Luc Bussière inspiriert. Mit seiner Frau gründete der Elsasse mit Philosophie-Abschluss 1986 in seiner Wohnstube das Collège Daniel mit rund einem Dutzend Schülern. In den letzten zwanzig Jahren hat er zu vielen Schulgründungen in Frankreich, Belgien, frankophonen Staaten Afrikas und in der Romandie beigetragen. 2004 lag es dann auf der Hand, dass Bussière zum ersten Präsidenten der Association des établissements scolaires protestants evangéliques en Francophonie (AESPEF) gewählt werden würde. Das heute sieben Schulen zählende Netzwerk französisch-sprachiger Schulen überzeugt durch die freundschaftliche Verbindung, die zwischen den Lehrkörpern durch regelmässige Lehrerweiterbildungen und gemeinsamen Schüleraktivitäten aufgebaut worden sind. Alle Schulen wurden in den Jahren 1995 bis 2000 gegründet.

Traditionelle Schulen ohne Rückgriff aufs Christliche

Ausser diesen typischen Bekenntnisschulen und der Schulen der Romandie gibt es aber noch eine andere Gruppe protestantischer Schulen. Die traditionsreichen evangelischen Schulen entstanden teilweise schon im 19. Jahrhundert. Hier einzurechnen sind fünf Schulen im Kanton Zürich, drei Schulen in Bern und die evangelische Mittelschule in graubündnerischen Schiers. Die bernischen Bildungseinrichtungen Neue Mädchenschule Bern, Campus Muristalden und das Freie Gymnasium Bern sind die drei einzigen Privatschulen mit erheblicher staatlicher Subventionierung. Das spezifisch Christliche reduziert sich bei diesen Schulen jedoch meist auf den Religionsunterricht und christliche Feste. Ausserhalb der ASBB und den protestantischen Schulen haben sich in der Deutschschweiz einige Schulen zu stattlicher Grösse entwickelt
Wüstenzeit der Privatschulbewegung… In den 1980er-Jahren bis weit in die 1990er-Jahre war das Verständnis für Gründung von christlichen Privatschulen in christlichen Gemeinden praktisch inexistent. Sie standen im Verdacht, die Kinder gesellschaftlich zu isolieren und marginalisieren. Ein Verständnis dafür, den Kindern eine biblische Erkenntnisgrundlage und praktische christliche Grundsätze zu vermitteln, die sie Herausforderungen überwinden helfen würden, fehlte. So musste etwa der 1988 in Biel gegründete Verein christliche Bildung bereits 1996 wieder aufgelöst werden. Seine Kräfte reichten gerade noch für die Gründung eines Kindergartens. Auch die Pionierschule Felsengrund in Männedorf musste ihre Tore nach einigen Jahren wieder schliessen.

Ab Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einigen Schulgründungen, die alle eine christliche Alternative zum herkömmlichen Staatsschulmodell monierten und heute noch existieren. 1996 gründete Bruno Bayer, der Leiter der christlichen Freikirche Kaleb, eine christliche Privatschule gleichen Namens (2005 in Visionja umgetauft) in den Räumlichkeiten einer schliessenden Rudolf-Steiner-Schule in Herisau. Schnell und unkompliziert erhielt die Kaleb-Schule deshalb eine Bewilligung mit staatlichem Leistungsauftrag und startete mit Klassen der 1. bis 4. Stufe. Jüngerschaft der Kinder hat einen hohen Stellenwert. 1997 kamen acht Familien der landeskirchlichen Gemeinschaft Jahu überein, in Biel eine Schulkooperative mit starker Elternbeteiligung zu gründen. Eltern unterrichten unter der Supervision von patentierten Lehrern ihre eigenen und fremde Kinder. Schliesslich gründeten 2002 einige in der Stiftung Schleife beheimateten Unterrichtende die übergemeindliche und in Winterthur angesiedelte SalZH mit professionellen Lehrern, die rasch zu einer Bildungsstätte grossen Zuschnitts gewachsen ist. Alle erhielten die notwendige kantonale Betriebsbewilligung, die trotz kantonaler Unterschiede räumliche Kriterien erfüllen, eine bestimmte Anzahl von patentierten Lehrkräften ausweisen und den kantonalen Lehrplan berücksichtigen musste. Allen ist gemeinsam, dass sie mit den Klassen 1. bis 4. starteten. Rechtlich könnten die drei Schulen nicht unterschiedlicher konstitiuiert sein: die Schulkooperative ist ein herkömmlicher Verein, Visionja hat eine für Schulen doch eher ungewöhnliche Rechtsform einer Aktiengesellschaft gewählt und die SalZH basiert auf einer Stiftung.

Weltanschauung im Klassenzimmer

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Schulgründungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten die drei 1999 und 2000 in halbjährlich stattfindenden Bieler Bildungsund Erziehungssymposien. Die vom Institut für biblische Reformen, den Vereinigten Bibelgruppen (VBG) und der Schulkooperative Biel durchgeführten Anlässe lösten einen neuen Schub an auf der Bibel fussenden weltanschaulichen und pädagogischen Erkenntnissen und praktischen Handlungsmöglichkeiten aus. Die zwischen 50 und 100 teilnehmenden interessierten Eltern und Lehrpersonen. Christen im Spannungsfeld zwischen Privatschulen und staatlichen Schulen, Christliche Weltanschauung im Klassenzimmer, Heute Lernender – Morgen „Lehrer“? , Grundlagenreferate zu diesen Tagungen steuerten Daniel Kummer (VBG) und Walter Dürr (IBR) bei. Kummer gehört mit seinen Arbeiten über die Entwicklung der bernischen Volksschulgesetzes und Lehrpläne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Umfragen bei über 70 Schulen mit evangelischem Hintergrund und diversen Studien zu christlichen Pädagogen zu den Experten seines Gebiets. Walter Dürr hat mit seiner 2004 veröffentlichten Dissertation zur Reich-Gottes-Theologie in Gesellschaft und Kirche auch die Notwendigkeit einer Reformation der Bildung propagiert und die Erkenntnisse aus den Bildungs- und Erziehungssymposien einfliessen lassen. Inspiriert durch den charismatischen Beitrag Luc Bussières am Bieler Transforum im Jahre 2004 beschlossen die drei Schulen, die fünf Jahre zuvor veranstalteten Bildungssymposien neu zu beleben. Die nun 2005 und 2006 durchgeführten Bildungsanlässe in Biel bzw. in Winterthur für Eltern, Lehrer und Gemeindeleiter stiessen auf ein beachtliches Echo. 100 Lehrpersonen beim ersten und 120 beim zweiten Anlass zeigten das sich verstärkende Interesse. Vorbei sind schier unüberwindbaren Hindernisse der Zeit bis 1995, vorbei auch die Pionierphase von 1995 bis 2005.

Suche nach gerechter finanzieller Unterstützung

Immer wieder kämpfen die Schulen mit finanziellen Problemen. Weit davon entfernt, als Eliteschulen horrende Schulgelder zu verlangen, müssen die Schulen das Portemonnaie der beteiligten Familien berücksichtigen. Die Lehrkräfte der christlichen Schulen verzichten auf mindestens ein Drittel bis die Hälfte ihres normalen Einkommens an kantonalen Schulen. Eine Volksinitiative führte im Jahre 2000 im Kanton Basel-Land zu staatlichen Zuschüssen von 2’000 Franken pro Schüler pro Jahr, was . Der Kanton Jura leistet sich die Zahlung von 40% der Privatschulbeiträge, in Zug und Luzern sind es 25%. Interpellationen im bernischen (2003) und thurgauischen (2005) Grossrat führten zur enttäuschenden Antwort der Regierung keine Änderung der bestehenden Praxis vorzunehmen, was nichts anderes heisst, dass die Privatschulen für den Kanton eine erhebliche Leistung übernimmt, die vom Kanton aber keineswegs gewürdigt wird.

Websites:
http://www.instruire.ch [Website der christlichen Privatschulen in der Romandie]
http://www.asbb.ch [Website der christlichen Bekenntnisschulen der Deutschschweiz]
http://www.college-daniel.org [Website der ersten evangelischen Schule Frankreichs]
Literatur/Artikel
→ Luc Bussière, Les pierres crieront, Edition Oberlin, Guebwiler
→ Sylvia Baker, David Freeman, The Love of God in the Classroom, Christian Focus
Publications, 2005.
→ Walter Dürr, Christliche Gemeinschaft in der Spannung von Sammlung und Sendung. Eine
praktisch-theologische Arbeit über die Jahu-Bewegung und ihres Reich Gottes-Theologie im
Kontext gesellschaftlicher und kirchlicher Herausforderungen, Fribourg 2004.
→ Thomas Hanimann, Christliche Schulen in der Schweiz. Welche Zukunft hat die christliche
Schule, Idea-Magazin 17/2000, S. 4-7.